Hildegard Greifenberg, Wolfgang Schliwinski und Gudrun Gille vom Netzwerk Demenz.

HEMER. „  Die Woche der Demenz findet in der Zeit vom 17. bis 23. September statt. Unsere Zeitung hat Gespräche mit dem Netzwerk Demenz geführt.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass irgendetwas nicht richtig ist“. Hildegard Greifenberg erinnert sich noch genau an die Zeit vor neun Jahren, als ihr Schwiegervater an Demenz erkrankte. Da war er 70 Jahre alt. Nicht nur sein Leben änderte sich auf Grund seiner Krankheit, auch ihres. Eigentlich das der ganzen Familie. „Die Krankheit ist ein schleichender Prozess“, berichtet die 55-jährige Ihmerterin, „und je schlimmer es wurde, je mehr veränderte sich auch unser Alltag“. Hildegard Greifenberg wurde zur engsten pflegenden Angehörigen, die sich kümmerte und immer da war. Tag und Nacht. Sie sorgte dafür, dass ihr Schwiegerpapa keine Sekunde lang allein war. Und geriet zwischendurch auch ans Ende ihrer Kräfte. Dennoch bereut sie keine Sekunde, die sie für ihn da war. Auch der Gedanke an seinen Umzug ins Heim, als es gar nicht mehr anders ging, tut ihr heute noch weh. Genauso wie die Erinnerung an den Augenblick, als der Schwiegerpapa seinen Sohn und sie plötzlich nicht mehr erkennt.

Gesellschaftsspiele oder ein gemütliches Pläuschchen

Hildegard Greifenberg engagiert sich heute im Netzwerk Demenz in Hemer, gehört zum Kreis der Ehrenamtlichen, die in betroffene Familien gehen und dort Hilfe anbieten. Sie kennt sich aus, ihr Wissen ist wertvoll. „Ich weiß, wie schwierig das alles ist und dass man Unterstützung wirklich braucht“, sagt sie. Drei Familien besucht sie regelmäßig. Sie spielt mit den Demenzkranken Gesellschaftsspiele, hält ein Pläuschchen bei Kaffee und Kuchen oder ist einfach nur da. „Die Arbeit der Ehrenamtlichen ist sehr wichtig“, sagt Gudrun Gille, Vorsitzende des Netzwerkes Demenz. Sie möchte nicht nur hinsichtlich der Woche der Demenz (17. bis 23. September) auf den ehrenamtlichen Helferkreis aufmerksam machen. „Wir haben 15 Helfer in diesem Kreis, das ist auf Dauer zu wenig“, so Gudrun Gille, die das Netzwerk Demenz als Initiatorin im Februar 2011 auf den Weg gebracht hat.

Schon im Jahr 2002 beginnt die Betreuung

Wolfgang Schliwinski ist heute 81 Jahre alt. Seine Frau Antje hat er im vergangenen Jahr verloren. Schon im Jahr 2002 erlitt Antje Schliwinski zwei Schlaganfälle, und damit begann auch ein Stück weit die Betreuung. 2014 folgte die Diagnose Demenz. Sofort suchte der Deilinghofer den Kontakt zum Netzwerk Demenz. Und heute appelliert er: „Kümmer dich als Angehöriger früh genug, informiere dich und halte nicht mit der Krankheit hinterm Berg!“ Er habe durch das Netzwerk Demenz sehr viel gelernt, betont er und sagt: „Ich habe mich nicht nur um meine Frau gekümmert. Von heute auf morgen habe ich auch den Haushalt geschmissen. Was nicht leicht für mich war.“ Gudrun Gille bezeichnet den Deilinghofer als einen „Botschafter für Demenz“. Wolfgang Schliwinski ist auch nach dem Tod seiner Frau immer beim Gesprächskreis für pflegende Angehörige dabei, der sich einmal im Monat im Altenheim von der Becke trifft. Auch da kann er helfen, kann Ratschläge geben und aus seiner Erfahrung berichten. Er geht ganz offen mit der Krankengeschichte seiner Frau um, und das ist nicht selbstverständlich.

Die Demenz ist oftnoch ein Tabuthema

„Meiner Mutter würde es nicht gefallen, wenn andere Leute wissen, dass sie Demenz hat“, sagt Susanne (Name geändert), und so weiß niemand von der Erkrankung – außer den Personen, die direkt mit ihr zu tun haben. Susanne lebt nicht in Hemer, aber sie kommt oft mehrmals pro Woche in ihre Heimatstadt, um bei ihrer Mutter zu sein. Für die Komplettbetreuung rund um die Uhr hat sie gesorgt. Bei ihrer Mutter lebt eine Betreuungskraft aus Osteuropa, die aber auch Freizeit haben muss. „Ich bin sehr dankbar, dass es den ehrenamtlichen Helferkreis gibt“, sagt Susanne, denn auch daher bekommt sie Unterstützung“. Es sei ein hoher Organisationsaufwand, so die Tochter, es vergehe kein Tag, wo sie nicht irgendetwas zu regeln habe, sehr oft auch mit der Krankenkasse. „Es ist insgesamt ein großer Druck. Und da ist dieser Mensch, der sich immer mehr verändert. Das zu akzeptieren, ist schwer. Erst ist man selbst das Kind, dann plötzlich hat man die Verantwortung.“

Auch Susanne selbst hat verschiedene Kurse belegt, um besser mit ihrer Mutter umgehen zu können, um nicht unvorbereitet zu sein. Es sei alles ein schleichender Prozess, auf den man vorbereitet sein müsse. Bemerkt, dass etwas nicht stimme, habe sie vor drei Jahren, weil ihre Mutter immer öfter unaufmerksam gewesen sei. „Ich habe mich da öfter gefragt, ob sie das alles nicht mehr interessiert, was ich erzähle“, sagt die Tochter. Auch wenn es bedingt durch ihren Arbeitsplatz eine räumliche Trennung gebe, die Sorgen seien permanent da, sagt Susanne. Sie ist dankbar, einen Arbeitgeber zu haben, der es akzeptiert, wenn sie mal wieder Hals über Kopf nach Hemer müsse.

Ein gemeinnütziger Verein, der hilft und berät

In der Woche der Demenz gibt es in der Felsenmeerstadt selbst keine gesonderte Veranstaltung, aber das Netzwerk Demenz als gemeinnütziger Verein kann jederzeit kontaktiert werden. Wer Interesse an einer ehrenamtlichen Mitarbeit im Verein hat, oder selbst Hilfe benötigt, oder den Gesprächskreis für pflegende Angehörige besuchen möchte, kann sich per Email an Gudrun Gille (gille@netzwerk-demenz-hemer.de) oder per 02372/1575 melden.

Im Hemeraner Netzwerk Demenz haben sich engagierte Personen, Pflegeeinrichtungen und öffentliche Beratungsstellen „locker“ zusammengefunden.